„Kød & Blod“ von Jeanette Nordahl (Panorama)

© Christian Geisnæs

Im dänischen Panorama-Beitrag „Kød & Blod“ („Wildland“) findet eine traumatisierte Jugendliche Obhut in einem dysfunktionalen Familienclan.

Nach dem Unfalltod ihrer Mutter kommt die siebzehnjährige Ida in die Obhut ihrer Tante, die mit ihren drei Söhnen mafiöse Geschäfte betreibt. Ida wird dort durchaus liebevoll aufgenommen. Doch nicht nur die Erwerbstätigkeit des Familienclans ist dubios, auch die familieninternen Verhältnisse verstören. Zwei Cousins sind in nahezu sadomasochistischer Dynamik verbunden. Der Dritte, ein bodybuildendes Muttersöhnchen, reagiert seinen Überschuss an Testosteron vor der Playstation ab. Ida darf ihre Cousins beim Feiern und Geldeintreiben begleiten, wird zunehmend auch Mitwisserin und stumme Zeugin – bis die Lage bei einem Einbruch eskaliert.

© Christian Geisnæs

Was in der kurzen Zusammenfassung Hoffnungen auf eine leichtgängige Sopranos-Folge in der dänischen Provinz wecken könnte, gerät unter der Regie von Jeanette Nordahl jedoch zum prototypischen Festival-Nebenreihenfilm, der unentschieden zwischen Thriller-Genre, Coming of age und Sozialdrama pendelt. Das in der spröden, emotional unterkühlten Erzählweise angelegte Versprechen auf harten Realismus wird indes nicht eingelöst. Zu fragwürdig und konstruiert erscheinen bei genauerem Hinsehen die erzählerischen Behauptungen.

Dass das Verbrechen, das sich schließlich ereignet, trotz evidenter Indizien, die auf eine Beteiligung von Idas Cousins hinweisen, nicht aufgeklärt wird, erstaunt. Problematischer ist allerdings, dass die tragenden Charaktere in Kød & Blod nur als Skizzen angelegt und inszeniert sind. Ida hat keine Freundinnen, kein soziales Umfeld, keine erkennbaren Wünsche und Sorgen, keinen Koffer mit Klamotten, Büchern, Fotos oder CDs, vor allem aber keine artikulierten Gedanken. Sie ist sprachlos und verstockt, ein Mädchen ohne Eigenschaften. Bald ist man notgedrungen versucht, zumindest das Motiv auf ihrem T-Shirt zu entschlüsseln: eine Band, ein modisches Statement, das vielleicht auf Vorlieben und Haltungen schließen lässt? Schwer zu sagen.

So bleibt es gänzlich dem Publikum überlassen, aus dem Trauma ihres Verlustes und Idas zaghaftem Tasten durch ihre neue befremdliche Lebenswelt eine mögliche Gefühlswelt zu destillieren. Dass dies möglich und sogar lohnend ist, ist dem nuancierten Spiel der jungen Hauptdarstellerin Sandra Guldberg Kamp zu verdanken, deren Rolle man allerdings weniger Passivität, mehr Dialog und Raum für charakterliche Entwicklung gewünscht hätte. Wenn Kød & Blod nach rund 80 enthaltsamen Minuten mit zwei emotionalen Knalleffekten endet, entlässt er das Publikum dann doch ziemlich angefasst aus dem Saal. Ein dramaturgischer Eingriff indes, der nicht weniger manipulativ wirkt als jede andere Notlösung aus der Trickkiste für offene Drehbuch-Enden.

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