Neu im Kino: „Golden Twenties“ von Sophie Kluge

Ava, eine Mittzwanzigerin aus der hier sehr deutlich ausbuchstabierten Generation Praktikum, kehrt nach ihrem Studium in die Wohnung ihrer Mutter zurück und soll nun die nächsten Schritte in Richtung Beruf und Beziehung gehen. Sie scheint keine erwähnenswerten beruflichen oder privaten Leidenschaften zu haben. Als skizzenhaft angelegtes Jeans- und Pulli-Mädchen wehrt sie sich immerhin gegen die übergriffigen Fremdzuschreibungen aus ihrem familiären und freundschaftlichen Umfeld. Ratschläge sind schließlich auch nur Schläge. Kontinuierlich steht sie vor verschlossenen Türen, alle laden ungefragt ihren Kummer bei ihr ab, sie selbst weiß auch nicht so genau. Stellvertretend für uns muss sie all die kleinen und größeren, mal komischen, meist peinlichen Unannehmlichkeiten des poststudentischen Erwachsensein-Spielens durchleiden.

Manche werden bei diesen Déjà-vu-Szenen wissend mitlächeln, andere sich unangenehm angekumpelt fühlen. Aus den Credits ist später zu erfahren, dass man in Berlin, Bayern und Prag gedreht hat. Ein Interesse an spezifischen Orten zeigt die Kamera (Reinhold Vorschneider) allerdings nicht, wenn sie Ava durch verschiedene Treppenhäuser, Alt- und Neubauwohnungen oder Backstagebereiche von Theatern folgt. Alles sieht diffus großstädtisch aus, klingt hochdeutsch und ist im heterosexuellen akademisch-künstlerischen Milieu verortet. So reiht sich Szene an Szene, mal recht gewitzt, mal arg forciert und aufgesagt, wie am Schnürchen. Blixa Bargeld gibt einen schrulligen Nachbarn, das ist charmant, vielleicht spielt er sich selbst. Auch Nicolas Wackerbarth als impulsiver Theaterregisseur, bei dem Ava hospitiert, spielt wohl eine Version von sich. Doch der Blick auf die Proben bleibt gerade gegenüber den scharfen, präzisen Impressionen von Wackerbarths eigenem „behind the scenes“-Film „Casting“ recht fahrig und konstruiert.

„Golden Twenties“ verfolgt keinen großen Plot, doch jede Einstellung hat ihre narrative Funktion, soll eine Pointe setzen. Einmal schaut Ava fasziniert einer Tänzerin auf der Bühne zu. Vor Disco-, Streit- und Bettszenen wird ansonsten brav abgeblendet. So bleibt es bei einem wohltemperierten Update solcher Großstadt-Twen-Portraits wie „Oh Boy“ oder „3 Zimmer/Küche/Bad“, das sich seiner Zielgruppe sicher scheint. Deutsches Kino, smaller than life.

Hauptdarstellerin Henriette Confurius hatte eine berückende Präsenz in Dominik Grafs historischem Liebesfilm „Die geliebten Schwestern“, war ansonsten vornehmlich in biederen Film- und Fernsehschwänken wie „Die Holzbaronin“ oder „Das kalte Herz“ zu sehen, hatte aber in jungen Jahren auch schon unter der Regie von Julie Delpy gedreht. Vielleicht schaut man ja in Frankreich noch mal genauer auf dieses Talent. 

„Golden Twenties“ | Deutschland 2019 | Drama/Komödie | 1:31 h | Kinostart: 29. August 2019

Weitere Beiträge
Wenn du mich berührst, werde ich wieder lebendig: „Il piacere“