Wenn du mich berührst, werde ich wieder lebendig: „Il piacere“

Dieser Beitrag gehört zu unserer fünfteiligen Berichterstattung zum Festival des italienischen Genrefilms „Terza Visione“.

Bei Joe D’Amato bekommt man am ehesten eine Ahnung davon, was Anziehung bedeuten kann, sagte ein Freund neulich. In „Il piacere“ entsteht sie vielleicht durch einen Ort, durch Bewegungen, durch Blicke, die sich treffen, nachdem sie sich gesucht haben und verloren glaubten: Ein Mann, Gerard, spaziert durch Venedig zur Karnevalszeit. Er sieht weiße Masken, gehüllt in sanft violett gefärbten Tüll, eine goldene Maske, die umrandet ist von einem Rosenbouquet aus Stoff, inmitten der Farben und pflanzlich-animalischen Figuren sieht er eine Frau, Leonora, mit barocker Frisur, die eine Brücke herunter auf ihn zuläuft. Seine Maske ist nur ein Name, der eine Fantasie mehr enthüllt als verbirgt: Casanova. Vielleicht weiß Gerard nicht mal, dass Karneval ist.

Terza Visione - Il Piacere

Die beiden tauschen einige Sätze aus, dann bewegt sich Leonora mit der sie umgreifenden Menge weiter. Gerard folgt ihr, zunächst gemessenen Schritts und in geringem Abstand, dann zunehmend isolierter und im Zweifel, ob er sie noch vor sich sehen kann. Wer begehrt wird, ist Teil der Welt und des Treibens, scheint das Bild zu sagen, wer begehrt, zunächst allein. Verwinkelte Gassen und Brücken, Gänge, so beginnt Anziehung: Beim Wandeln, Ruhe-Vortäuschen, Ausspähen, Verfolgen, Verzweifeln. In einer Unterführung nah dem Wasser, die leichten Wellen spiegeln sich auf der gegenüberliegenden Mauer, glaubt Gerard, Leonora verloren zu haben, bis er ihre Stimme hinter sich hört: Sein Kopf dreht sich um, die Kamera steuert erst auf sein Gesicht zu, dann auf das von Leonora, die an einen der Pfeiler der Unterführung gelehnt ist. Sie spricht ein Wort, das nun nicht mehr wichtig ist: So steuern Blicke das, was aus ihnen folgt, so fängt eine Abfolge von Filmbildern das ein, was sich in den Blicken schon so ausdrückt, dass das, was folgt, abgeblendet werden kann.

Das „Terza Visione – 6. Festival des italienischen Genrefilms“ im Kino des Deutschen Filminstitut & Filmmuseum zeigte vom 25. – 28. Juli 2019 populäre Klassiker und obskure Entdeckungen des italienischen Genrekinos der 1950er bis 80er Jahre, von Haunted House Horror, Wüsten-Western und venezianischer Bordellerotik bis zum Schlager- und Discofilm. Drei WEIRD-Autoren berichten von ihren intensivsten, beglückendsten und verstörendsten Eindrücken. #terza-visione

Was viel später folgt, das zeigt D’Amato schon vor dieser Szene. Gerard sitzt in einem Zimmer, Regen tropft auf eine Schale, Tränen rollen von seinem Gesicht, er hört ein Tape – Leonora, die von gemeinsamer Erregung spricht; ein geheimes Tagebuch (ist es für ihn?), gesprochen, nicht aufgeschrieben. Zunächst entsteht der Gedanke, sie hätte Gerard verlassen, dann, eine Einstellung ihres leblosen, nackten Körpers auf einem Bett, kommt die Gewissheit, dass sie gestorben ist. Es bleiben von ihr ein Fotoalbum und die Aufzeichnungen. Was sich in „Il piacere“ woraus entwickelt, das muss man, glaube ich, sehr genau beschreiben, denn der Film erzählt es eigentlich nicht, an ihm lässt sich sehen, dass das, was Narration genannt wird, im Idealfall kein Primärmerkmal eines Spielfilms sein muss. Er folgt auch nicht Erinnerungen, denn was hieße das in diesem Fall schon: Ein sinnlich schwankendes und unzuverlässiges Ding wäre das, verursacht durch Wort und Empfindung, Anordnungen von Gegenständen, dem Licht im Zimmer drinnen, den Geräuschen des Wetters draußen – Beschwörungsformeln, die Gerard erhofft, aber nicht kontrollieren kann.

Kaum ist man versucht, Vergangenes als eine Rückprojektion des Gegenwärtigen zu lesen, greift die vermeintliche Erinnerung eh nach vorne in die Zukunft: Leonoras Tochter Ursula kommt zum Begräbnis ihrer Mutter. Sie sieht ihr ähnlich, natürlich, aber dass beide Rollen von der gleichen Schauspielerin, Andrea Guzon, gespielt werden, erzeugt für Gerard nicht die gleiche Illusion wie für die Zuschauer*in. Überwiegt die Ähnlichkeit, die Gerard zunächst nicht wahrhaben will, oder das stille Einvernehmen, dennoch die Unterschiede sehen zu wollen, selbst wenn sie vielleicht nicht wirklich existieren? Im Schlafzimmer findet Ursula die Tapes und verliert sich in dem, wovon ihre Mutter erzählt und was von Gerard handelt. Für sie werden die Aufnahmen nicht zur Erinnerung einer anderen, sie hört erst erregt und antizipiert dann die Erlösung des eigenen Verlangens. Können wird sie das nur, indem sie die Beziehung zu Gerard nachvollzieht und die Erlebnisse mit ihm wiederholt. Der will zunächst nicht, zuletzt dann sehr. Auch das ist Anziehung.

Ein paar Tage nach dem „Terza Visione“ will ich das noch einmal sehen auf einem File, das ich von „Il piacere“ besitze. Nichts ist davon mehr da, die Farbpalette ist monochrom und lediglich getönt, das Vibrierende, das melancholisch Überschwängliche und in den Farbkontrasten verführerisch Pulsierende fehlt. Ich hoffe, etwas, das ich vor Kurzem im Kinolicht gesehen habe, noch einmal vor mir haben zu können, doch dort finde ich es nicht. Ich werde selber zu Gerard, dessen unzuverlässige Erinnerung ein starkes Begehren weckt, das eine eindimensionale Abbildung nicht befriedigen kann.

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