Oulaya Amamra, Logann Antuofermo
© RECTANGLE PRODUCTIONS – CLOSE UP FILMS

„Le sel des larmes“ von Philippe Garrel (Wettbewerb)

In seinem Wettbewerbsbeitrag Le sel des larmes setzt der französische Regisseur Philippe Garrel auf die Autonomie seiner Figuren. Bei der Premiere mit Applaus versehen, überwogen auf der vorherigen Pressekonferenz kritische Stimmen. Wir spüren den Fugen und Sollbruchstellen dieses episodischen, multiperspektivischen Werks nach.

Ein junger Mann tritt aus einem Bahnhof, läuft über einen Platz. Die Kamera schwenkt gemessen zurück, umfasst die Menschen um den Mann in einem etwas sediert anmutenden, gedrosselten Wimmelbild. Er steuert auf die Treppen einer Métrostation zu, geht hinunter, verschwindet aus dem Bild. Langsam blendet die Szene ab, wie eine Kerze, die ausbrennt und verlischt. Ein Titel erscheint: Le sel des larmes, das Salz der Tränen.

Philippe Garrel beginnt den Film mit einer Fuge, etwas, dem im Kino selten eigener, autonomer Raum zugestanden wird, das in seinem Werk aber meistens zentral ist – Momente, in denen die Handlung innehält, ausatmet, lange wartet, bevor sie wieder nach Luft schnappt: ein Paar, das die Straße hinuntergeht, ohne sich zu unterhalten. Eine Frau, die morgens aufwacht und ins Halbdunkel blickt, nicht mehr schlafend, noch nicht bereit, aufzustehen.

Philippe Garrel mit seiner Tochter Esther © RECTANGLE PRODUCTIONS – CLOSE UP FILMS

Im Kino der letzten sechs Jahrzehnte hat Garrel selbst auch so eine Art Fugenfunktion: Für die Generation der Nouvelle Vague, der er aus journalistischer Kategorisierungsbequemlichkeit immer wieder zugerechnet wird, ist Garrel Ende der 60er-Jahre als gerade mal 16-jähriger Debütant zu jung. Allen folgenden Wellenbewegungen des französischen Films bleibt er ein Fremdkörper, ein Solitär am Rande halbwegs kommerzieller Produktionsbedingungen – allenfalls vergleichbar mit dem Filmemacher Maurice Pialat, dessen langjährige, enge Mitarbeiterin Arlette Langmann seit mittlerweile über zwei Jahrzehnten Garrels Drehbücher mitverfasst. Anfangs dreht Garrel Experimentalfilme, eine ekstatisch-apokryphe Vision, gebraut aus toxisch köchelndem Heroin und den mählich zerplatzenden Beziehungs- und Gesellschaftsutopien des Undergrounds, später Spielfilme, denen eine Verweigerungshaltung gegenüber dem Vorwärts-Erzählenden und Aktiven eingeschrieben bleibt. Wenn sich seine Figuren für oder gegen etwas entscheiden müssen, zögern sie oftmals so lange, bis die Konsequenzen jemand anders tragen muss.

Garrel ist auch ein Meister der Variation: Beziehungsgeflechte mit ihren Flieh- und Ziehkräften verweisen auf ihnen ähnliche in früheren Filmen. Straßen und Plätze, Wohnungen sind Orte der Fortschreibung und Erinnerung. Weil Garrel Empfindungen und Verletzungen (manchmal die, die er erleidet, meistens die, die er zufügt, sein Werk ist darin wesentlich selbstinquisitorisch) nicht vergessen will, beschwört er sie immer wieder aufs Neue – darin, in der Beschwörung, sind sie auf eine fast schon nachlässig einfach scheinende Weise einzigartig.

Le sel des larmes
© RECTANGLE PRODUCTIONS – CLOSE UP FILMS

Auch die Geschichte von Le sel des larmes wirkt schlicht, wie mit einigen wenigen Pinselstrichen, mehr Suggestion als Form, entworfen. Luc fährt nach Paris, um an der École Boulle eine Aufnahmeprüfung zur Tischlerausbildung abzulegen. Beim Umsteigen im Vorort Montreuil begegnet er Djamila. Erst weichen sich die Blicke aus, dann streifen sie sich, schließlich bleiben sie hängen. Sie sagt: „Du bist sanft.“ Aber bald zeigt sich: er ist eigentlich nur feige.

Nach den Prüfungen kehrt Luc in das Haus seines Vaters zurück und zu einer anderen Frau, Geneviève, mit der es in der Vergangenheit schon einmal auseinanderging. Auch der Vater ist ein Tischler – diese Verbindung, zwischen dem Bearbeiten und Zusammenfügen von Material und dem Knüpfen von Beziehungen, macht Le sel des larmes einige Male. Ein Bewußtsein für Stützwinkel: Das fehlt Luc eher. Das zu markieren, dabei ist der Film nicht nur, aber auch romantisierend.

Le sel des larmes
© RECTANGLE PRODUCTIONS – CLOSE UP FILMS

Luc lernt eine dritte Frau, Betsy, kennen. Eine Stimme aus dem Off sagt etwas Unerhörtes, Unerträgliches: „Mit ihr fand er eine Frau, die ihm ebenbürtig war.“ Dieser Satz reißt in der Mitte des Films eine Wunde in die Geschichte, die bis zuletzt offenbleibt und viele Zuschauer reizt. Gehört Luc die Zentralperspektive des Films, mit der sich der Erzähler solidarisch zeigt? In der Pressekonferenz wird Philippe Garrel damit konfrontiert, wessen Blick sich Le sel des larmes zu eigen machen würde. Seine Antwort: keinen. Die Figuren wurden von den Schauspieler*innen selbst über mehrere Monate entwickelt, wie sie sich verhalten und miteinander umgehen sollten, bestimmten sie. Daraus entstand später das Drehbuch. So gehört das letzte Drittel des Films Souheila Yacoub, die Betsy spielt, und ihrer Reaktion auf diesen Satz. Dadurch öffnet sich am Ende in dem Film eine neue Tür: Möglicherweise endet er nicht in einer Fuge.

Weitere Beiträge
„Malmkrog“ von Cristi Puiu (Encounters)