Der heilsame Blick: „Questo sì che è amore“

Dieser Beitrag gehört zu unserer fünfteiligen Berichterstattung zum Festival des italienischen Genrefilms „Terza Visione“.

Unter den anrührendsten Gesten, die man einem jeden Menschen entgegenbringen kann, ragt eine als unübersehbare Manifestation eines vorbehaltlosen Humanismus gesondert heraus: ihm unmittelbar, immerzu auf Augenhöhe zu begegnen. „Questo sì che è amore“, der zweite Film des unfreiwillig für ganze sieben Jahre nach seinem nicht unbedingt erfolgsverwöhnten Debüt bepausten Filippo Ottoni, gewährt diese real leider recht seltene Haltung all seinen Figuren –  mögen sie groß sein oder klein, die Nöte eines durch den diabolisch zu Wohnungsdimensionen aufgeblasenen Brutkasten ausgedehnt verschmachtenden Kindes verstehen oder diesen selber in Indifferenz, dem jovial-aufmunternden Gestus des den Stand der Dinge doch so nachhaltig durchdrungen glaubenden Erwachsenen gegenüberstehen. Ob im Sitzen, Stehen, Lieben, Lachen oder Weinen, jener stilistischen Eigenheit eines Filmes, der die anderweitig so allumfassende inszenatorische Unauffälligkeit zu seinem obersten Handlungsprinzip erklärt hat.

Was Einstellungsgrößen und Schnittfolgen entgegen kinematographischer Gewohnheit verschweigen, erzählt Ottoni allein durch Einstellungshöhen. Ruhig, bedächtig – was niemand je mit behäbig verwechseln sollte – beobachtet seine Mise en Scène einfach anstatt selbst zum Akteur in der Narration zu werden, in diese mit extrovertierter Beredsamkeit einzugreifen. Immer wieder positioniert sie sich filigran einige Millimeter unter dem eigentlichen Sichtfeld, um Blicke aus gesenkten Häuptern – und es werden wahrlich viele Häupter gesenkt – sogleich warmherzig aufzufangen, zeigt sie sogar zwei versetzte Augenpaare in einer einzigen Aufnahme.  Bewegung bleibt bevorzugt spärlich, existent als von den äußeren Umständen durch die Einladung zum Innehalten hetzendes Elternteil, in Form eines um das liebe Leben laufenden Knirpses im Bild, seltenjedoch als Perspektivenschieber des Rahmens. Zögerliche Zooms, denen auf halbem Wege die Puste auszugehen scheint, Schwenks, die höchstens wenige Zentimeter zurückzulegen im Stande sind. Umso bedeutender gerät sie, akzentuiert sie Existentielles, äußert sie sie sich doch einmal unübersehbar zum Inhalt der Kadrage. Insistierend zoomt die Kamera an einen Bilderwürfel heran – Mama, Papa, Haus, ein Leben wie gemacht, um es gemeinsam zu verleben. Ließe einen die Krankheit doch nur.

Das „Terza Visione – 6. Festival des italienischen Genrefilms“ im Kino des Deutschen Filminstitut & Filmmuseum zeigte vom 25. – 28. Juli 2019 populäre Klassiker und obskure Entdeckungen des italienischen Genrekinos der 1950er bis 80er Jahre, von Haunted House Horror, Wüsten-Western und venezianischer Bordellerotik bis zum Schlager- und Discofilm. Drei WEIRD-Autoren berichten von ihren intensivsten, beglückendsten und verstörendsten Eindrücken. #terza-visione

Gleichen sich Figuren in ihrem Gang diesen Entschleunigungsregeln an, so setzen sie automatisch Kontrapunkte zur sie anpeitschenden Geschichte. Mauro Curi legt als Larry, seines Zeichens einziger Freund unseres kleinen Verdammten, eine kindliche Glanzvorstellung hin: unbeirrt in seinem Bestreben, das Richtige zu tun, von Alltagsstress wie zunehmend eskalierendem Seelenleid Tommys (Sven Valsecchi) schreitet er als fleischgewordene Verkörperung Ottonis Blickes durch die Bilder – als Ruhepol, ungleich mehr vom Leben verstehend als die ihn an Körpergröße, an aufgetürmten Jahresbergen so vielfach Überragenden.

Ein klein wenig dieser Kraft wirkt auch in Tommys Vater, verkörpert von Christopher George, dem wohl auf ewig Ungewürdigten. Trotz mitunter mit dem Mundwinkel verwachsen wirkender Zigarre hier und anderswo, dem klassischen Vorstellungen von Maskulinität entsprechenden Auftreten wie Aussehen, besaß dieser stets eine unerschrocken selbstbewusste Verwundbarkeit, die ihn nun ein Vielfaches über die Verfehlungen seiner Rolle hinauswachsen ließ. Als fehlendes Glied in der Kette zeigt „Questo sì che è amore“ eine eigentümliche Kontinuität zwischen seiner selbst und Lucio Fulcis „Paura nella città dei morti viventi“ auf, erklärt, warum der dort mutig zur Unschlüssigkeit stehende George zwei Jahre später noch derart kurz vor knapp den Filmtod sterben sollte: Es steckt einfach nicht in ihm drin – er kann, er will schlicht kein Held sein. Kaum für den immensen Zeitungsknüller, erst recht nicht für den Filmsohn – der muss sich schon selbst zu helfen wissen.

Zum Abschied wandert sein mit uns kurzgeschlossener Blick noch einmal an der Krankenhausfront herunter, die er jüngst mittels eines minutiös ausgeführten Ausbruches verlassen hat und die seinen nie angemessen glänzenden Glaskasten beherbergt. Nicht die Realisation der neu gewonnenen Freiheit mit all ihren Implikationen ist es, die im Gegenschnitt aus denGesehenes sofort in Gedanken umsetzenden Kinderaugen drängt, sondern ein viel zu früh ausgereiftes Bewusstsein dafür, dass diese Transgression gegenüber der mit gedankenloser Fürsorge erdrückenden Erwachsenenwelt und dem eigenen Körper gleichermaßen allein einen Preis kennen kann. Schnörkellos in der Aussprache gesteht Ottoni einem Kind im Grundschulalter die emotionale Reife zu, einen selbstbestimmten Tod zu sterben.

Ist das ein Zuviel an Verantwortung? Möglicherweise. Dennoch wirft „Questo sì che è amore“ Fragen auf, die weit über das in der Essenz dem Anstacheln von Zuschauertränen verschriebene und in dieser konsequenten Spezialisierung rasch auserzählt gewesene Lacrima-Genre hinausweisen. Fragen, denen in einem Zeitgeist, der stetig zunehmend zur Infantilisierung selbst maximalst Pubertierender neigt, eine diesmal langanhaltendere Dringlichkeit zufällt. So penetrant einen die vorangestellte Widmung für alle zum damaligen Status quo von Unicef betreuten Kinder auf Erden auf die Erwartung exploitativer Kost eicht, so sehr gerät sie mit zunehmender Laufzeit zur separat agierenden Täuschung.

Ohne jede Ausnahme nimmt Ottoni alle Sorgen seiner Protagonisten ernst – von unbedarfter Kindersehnsucht bis zum Wirken im eigenen Sterben. Ein dem Damoklesschwert gleich über den Dingen schwebender Akt, den er letztendlich in unerwarteter Rasanz zu Ende gehen lässt –  unspekulativ wird er durch den nun hinter einer Fensterscheibe vom ungleich gemütlicheren Glaskasten namens Eigenheim ausgeschlossenen Larry eingefangen. Denn Ottoni weiß: Zum guten Schluss hocken wir alle in unseren eigenen einsehbaren Kammern, bewusst oder unbewusst, was zählt, ist Demut. Das finale Kapitel in der Chronik eines angekündigten Todes, ohne zu verweilen, frei von Sentiment und Kitsch. Man ist geneigt, es auszuschreiben: Mono no aware. Tatsächlich, ein italienischer Ozu-Film, in dem das Leben unaufhörlich weitergehen muss, nie zum Stillstand kommt, ganz egal, wie enttäuschend es bisweilen ausfällt.

Weitere Beiträge
Neu im Kino: „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt