Es klingt ein Lied von Nirgendwo: „La morte scende leggera“

Dieser Beitrag gehört zu unserer fünfteiligen Berichterstattung zum Festival des italienischen Genrefilms „Terza Visione“.

Zu einer melancholisch-sehnenden Hard-Rock-Ballade tritt Giorgio Darica (Stelio Candelli) in seinen Hausflur, jenen Ort, der ihn schnurstracks in ein privates Abenteuer zwischen Traum und Realität katapultieren wird. Geradezu exorbitant betulich schunkelt die, in einer konstanten Subjektiven gefangen, Blicke wie Bewegungen des uns noch nicht vorgestellten Mannes imitierende Kamera herum, mehr als befände sie sich auf dem Frühlingsfest der Volksmusik denn auf einem schwitzigen Rockkonzert. Jeden Raum, alle Ecken von Schnitten ungestört abdackelnd, unvermittelt wie scheinertappt hinter den eigenen Rücken schwenkend, dann wieder unsicher nach vorn. So lange, bis sie – mehr aus Versehen denn echter Suche – unter der Bettdecke den längst erkalteten Körper von Daricas Frau aufspürt.

In einem gewissen Sinne spielt Leopoldo Savonas einziger Giallo „La morte scende leggera“ (deutscher Titel: „Sanft sinkt der Tod“) mit bloß halbherzig verdeckten Karten – nicht weil er selbstverständlich den Genrekonventionen gehorchend nicht einen solch offensichtlichen Täter präsentieren kann, nicht weil er es nicht dennoch in Form einiger bemerkenswert zugespitzter roter Heringe versuchen wird. Sondern weil ihm Musik letztendlich zuallererst ein Mittel der Wahrheitsfindung ist.

Savona, unter Meister Giuseppe De Santis ausgebildeter Neorealist alter Schule, teilt „La morte scende leggera“ in zwei streng gegensätzliche Welten. Das trübe Braun-Weiß-Grau-Untereinander der Stadt, die schnell einer unerreichbar scheinenden Außenwelt gleichkommen wird. Und die des Hotels, in dem der nun Kompromittierte samt Geliebter auf Anraten einflussreicher, gründlichen Ermittlungen dezent abgeneigter Bekanntschaften einquartiert wird. Dann, graduell, analog zu den seelischen Auswirkungen der Isolation eingeschlichen, die expressiven Farbschemata der einzelnen Raumabfolgen, in die das Gefängnis nach und nach zu zerfasern beginnt.

Das „Terza Visione – 6. Festival des italienischen Genrefilms“ im Kino des Deutschen Filminstitut & Filmmuseum zeigte vom 25. – 28. Juli 2019 populäre Klassiker und obskure Entdeckungen des italienischen Genrekinos der 1950er bis 80er Jahre, von Haunted House Horror, Wüsten-Western und venezianischer Bordellerotik bis zum Schlager- und Discofilm. Drei WEIRD-Autoren berichten von ihren intensivsten, beglückendsten und verstörendsten Eindrücken. #terza-visione

Zwei Genreentwürfe in einem vereint: der wohl einzige, in seiner schieren Schmucklosigkeit, dem natürlichen Licht und den politischen Anklängen fürwahr neorealistische Giallo, und übergangslos an diesen drangekoppelt dessen expressives Textbuchbeispiel. In Ersteren fügen sich Lallo Goris die erste gedankliche Anspannung in Töne übersetzende Kompositionen nahtlos, unauffällig beinahe, ein, Zweiterer hadert gleich im Auftakt mit schwermetallischeren Klängen aus der Feder von Ezio Ranaldi und Giacomo Gili. Nicht allein aufgrund der schieren Akkumulation an eigentümlichen, hart kontrastierenden Vorkommnissen und der Art ihrer visuellen Einpflegung beginnt man rasch zu ahnen: Es können kaum psychologische Abgründe allein sein, die hier anklopfen, sondern vielmehr menschliche Umtriebe, der aus zahllosen Psychothrillern speziell der 60er-Jahre vertraute Versuch, einen Menschen ob schon allzu bald selbst imaginierter, katalysierter Schuldgefühle in den Wahnsinn, zumindest aber zu einem Geständnis zu treiben.

Verfall, doch alles ganz besonnen erzählt, elegisch, nie dionysisch – wie die begleitenden Klänge.

Der Partykeller des Erdgeschosses bringt all diese widersprüchlichen Eindrücke an reich geschmückte und doch verlassene Tafeln: Prächtig glühen die Farben zahlloser Hüte, Tücher, ganzer für echte Raumbefüllung einspringender Puppen gar, und doch sind sie genuin, natürlich abgebildet – als in den ansonsten kargen Räumen besonders hervortretende Störelemente. Gegensätzliche Filmströmungen vereint in einer Aufnahme. Darübergelegt, von dem filmischen Rahmen inhärentem Schellack statt fachkundiger Musikauswahl, eine Big Band, deren Spiel trotz zweifacher Tonkonserve ungleich kraftvoller tönt als zuvor wie danach Aufgefahrenes – angriffslustig gar. Musikbestrahlung manifestiert sich als gezielte Attacke auf eine bereits in der Kondensation begriffene Seele, jedoch auch als geschickt chiffrierter Hinweis auf eine Manipulation, die ihre Wirkung in Fieberträumen findet.

Im gleitenden Unterwegs beider Gefangenen durch ihr auf die Zimmerbegrenzungen gewölbtes Innerstes verfangen sich fragende Blicke in Spiegeln, der Dialog in Geplänkeln mit inszenierten Aufsagepuppen, vollführt ein Affe unentwegt Turnübungen an einer Vogelstange. Verfall, doch alles ganz besonnen erzählt, elegisch, nie dionysisch – wie die begleitenden Klänge. Simulierter Rausch. Einmal zieht einem Gewitter gleich die offenkundige Variation des berühmten Vorspiels zu Black Sabbaths „War Pigs“ auf, und doch fehlt es ihr im Vergleich an den Eruptionen eines Bill Ward oder Tony Iommi, um in die Vollen zu gehen. Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis dieses auf mysteriöse Weise auskunftsfreudigen Soundtracks beantwortet, der immerzu in Gegensätzen zur unserem Helden zugedachten Wahrnehmung von visuellen Hinweisen operiert. Lange vor der von außerhalb angestoßenen Ermittlungsarbeit nimmt er in eigener Investigation deren Ergebnis vorweg: Es ist im Grunde alles in bester Ordnung mit Giorgio Daricas Psyche.

Weitere Beiträge
Neu im Kino: „Golden Twenties“ von Sophie Kluge